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Editorial

aus der nlvp 0/2006 von Dipl.-Psych. Jörg-Michael Sohn, Hamburg, www.nlvp.de

Der Newsletter, den Sie in den Händen halten, ist das produktive Ergebnis eines längeren Frustrationsprozesses. Ich beobachte seit einiger Zeit Entwicklungen im Bereich der Verkehrspsychologie, die ich zunehmend kritisch finde und die kaum (fach-) öffentlich diskutiert werden.

Die anfangs eher staatsnah organisierte Untersuchung verkehrsauffälliger Kraftfahrer ist inzwischen zu einem profitorientierten Dienstleistungsgewerbe geworden, in dem inzwischen 19 (!) teilweise wirtschaftlich miteinander verflochtene Träger in 220 (!) Begutachtungsstellen um die Gunst einer ständig sinkenden Zahl von „Kunden“ buhlen. Mit diesen Trägern organisatorisch, finanziell und personell verbundene Beratungsfirmen bieten zudem eine unübersehbare Vielfalt von Beratungen, Modellen, Kursen, Paketen zur Vor- und Nachbereitung der MPU an. Träger, die sich auf ihr Kerngeschäft einer an der Verkehrssicherheit orientierten, ökonomisch unabhängigen, nur fachlichen Standards verpflichteten Untersuchung konzentrieren, sind in die Minderheit geraten. Parallel dazu hat eine den politischen Vorgaben folgende EU-Rechtssprechung das deutsche System der Fahreignungsuntersuchung faktisch ausgehebelt. Gerade die schwierigen, unbelehrbaren, uneinsichtigen Kraftfahrer gehen nicht den in einer Untersuchung aufgezeigten Weg der Wiederherstellung ihrer Fahreignung, sondern wählen den juristisch nicht verhinderbaren Weg des Erwerbs eines neuen Führerscheins in anderen EU-Staaten ohne  gründliche Eignungsüberprüfung.

All dies hat zu teilweise dramatischen Veränderungen der Rahmenbedingungen der Arbeit von Verkehrspsychologen und zu Verlusten von Arbeitsplätzen geführt. Dies wird aber nur in kleinen Zirkeln offen diskutiert, und es fehlt die breite Diskussion über Analysen, Gegenstrategien, neue Arbeitsfelder.

Ich habe mich lange in verschiedenen Gremien, Organisationsformen und Funktionen engagiert, ich war Mitbegründer und in der Leitung des Arbeitskreises „Klinische Verkehrspsychologie“, Mitbegründer und langjähriger Geschäftsführer des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen (BNV), Vorstandsmitglied und Vorsitzender der Sektion Verkehrspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), habe in dieser Funktion den Runden Tisch einberufen, der seit ca. 3 Jahren versucht, gemeinsame Interessen der deutschen Verkehrspsychologen durchzusetzen.

Inzwischen werde ich jedoch zunehmend pessimistisch, was die Effektivität solcher Gremienarbeit betrifft. Die Abstimmung vieler Interessen kostet unendlich viel Zeit und endet oft in unverbindlichen Formelkompromissen, Interessengegensätze werden kaum thematisiert, Informationen nicht offen ausgetauscht, Absprachen nicht eingehalten. Verschärft wird diese Problematik dadurch, dass in allen großen Organisationen inzwischen nicht Fachleute, sondern Kaufleute an den Entscheidungsstellen sitzen. Deren Vorgabe lautet nicht, eine fachlich fundierte Arbeit zu machen, sondern bestimmte Renditeziele zu erreichen. Ich werde nie vergessen, wie mir eine Gutachterin eines großen Trägers sagte: „Es ist eine Atmosphäre wie in der DDR damals: Lauter alte Männer an der Spitze, man weiß, dass alles immer schlimmer wird, aber man darf keine offene Kritik äußern.“ Auch die existierenden organisationsübergreifenden Gremien sind blockiert, weder der Sektionsvorstand, noch die Steuerungsgruppe, noch der Runde Tisch sehen sich in der Lage, das wachsende Primat des Ökonomischen zu thematisieren, Grenzen zu ziehen, wenn große Träger nach Wochenendkursen „Fachberater für Fahreignung“ zertifizieren, Begutachtung und Vorbereitung als „flatrate“ zum Paketpreis gebündelt werden, oder auch nur auf den dramatischen Arbeitsplatzverlust und den immer stärkeren Druck auf Diplom-Psychologen einzugehen.

Nach vielen Gesprächen mit Kollegen, Gutachtern, berufspolitisch Engagierten, die immer wieder in Resignation zu enden drohten, habe ich mich entschlossen, ein Zeichen zu setzen und einen anderen Ansatz als den bisher von mir praktizierten zu wählen: Keine Gremienarbeit, sondern Einzelaktion, keine  Interessen mühsam austarieren, sondern Klartext reden, mich nicht an Rücksichten, sondern an Aussichten orientieren, keine Arbeit in kleinen Zirkeln, sondern Transparenz und Öffentlichkeit herstellen, keine Formelkompromisse, sondern kontroverse Positionen, keine großen Linien, sondern Einzelheiten und Fakten.

Dieser Newsletter ist  Ausdruck dieser Strategie, hinter ihm steht keine Organisation, sondern nur ich als Person, ich werde mich bemühen, Informationen, Fakten, Überlegungen, die ich für wichtig halte, öffentlich zu machen, nicht nur im Kreise interessierter Kollegen aus allen Arbeitsfeldern, sondern auch bei Straßenverkehrsbehörden, Rechtsanwälten, Politikern und vielleicht sogar Betroffenen.

Diese Nullnummer ist noch eine „One-Man-Show“ - aber ich erhoffe mir in Zukunft Informationen, Rückmeldungen, Beiträge, Artikel und Hinweise von vielen Seiten. Ich werde alle Informationen, die ich bekomme, sorgfältig prüfen, Hinweise auf Wunsch vertraulich behandeln und unterschiedlichen Positionen Raum geben – deshalb ist jeder Artikel mit dem Namen des Autors versehen – bisher nur mit meinem.

In diesem Sinne: Lesen Sie in Ruhe diesen Newsletter, prüfen Sie, ob Sie die Informationen für nützlich, die Einschätzungen für interessant, die Einwände für berechtigt und die Vorschläge für bedenkenswert halten. Wenn ja, unterstützten Sie dieses Projekt mit 20,-- € für ein Abonnement. Vielleicht bewirkt ein offenerer Informationsfluss, dass Raum für neue Gedanken und Aktionen entsteht.

Jörg-Michael Sohn

P. S. : Weitere Infos demnächst unter www.nlvp.de.

Dieser Newsletter ist eine Nullnummer. Sie kann beliebig ausgedruckt, kopiert, weitergegeben, weitergeleitet und sonst wie verbreitet werden – ich bitte sogar um die Weitergabe an möglicherweise interessierte Personen oder Institutionen. Der nlvp wird zukünftig ca. 10 mal im Jahr erscheinen. Das Abonnement kostet 20,-- € pro Jahr und ist nur in elektronischer Form als PDF-Datei per email möglich. Die Bestellung erfolgt einfach durch Überweisung von 20,-- € auf das Konto: 1259124509, Kto-Inhaber Jörg-Michael Sohn, HASPA Hamburg, BLZ 20050550 mit dem Stichwort nlvp und Ihrer (bitte deut­lich schrei­ben!!!) email-Adresse.

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Copyright © 2009 newsletter verkehrspsychologie
Stand: 12. Mai 2009