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Flatrate – Ein Schritt in die falsche Richtung

aus der nlvp 0/2006 von Dipl.-Psych. Jörg-Michael Sohn, Hamburg, www.nlvp.de

Heftige fachinterne Diskussionen hat ein Angebot des TÜV Süd ausgelöst. Er bietet eine Flatrate an, d. h. ein Angebot, bei dem zu einem Pauschalpreis quasi eine positive MPU versprochen wird. Solche Angebote waren bislang nur von unseriösen Testvorbereitern bekannt.

In den eigenen Worte des TÜV Süd:

Sogar beim Verkehrspsychologen gilt jetzt: Einmal zahlen, unbegrenzt beraten lassen. Die Pluspunkt GmbH bietet für Teilnehmer der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung (MPU) den Kurs Mobil PLUS zeitlich unbefristet an, bis sie wieder im Besitz einer Fahrerlaubnis sind. Also eine „Flatrate“ zurück zum Führerschein.“

(http://www.tuev-sued.de/presse/pressearchiv/pluspunkt_bietet_flatrate_zurueck_zum_fuehrerschein).

Es gibt eine ganze Reihe von Argumenten gegen ein solches Angebot: Es wird die gesetzlich geforderte Trennung zwischen Begutachtung und Beratung praktisch aufgehoben (es gab schon Interventionen von Mitbewerbern bei den Aufsichtsbehörden), es wird bei Straftätern eine Art Ablasshandel angeboten („Einmal zahlen, den Rest erledigen wir schon, Sie müssen sich nicht anstrengen.“), es wird irreführende Werbung betrieben (zeitlich unbefristet heißt zumindest bis zum Lebensende) etc..

Ich würde mich freuen, wenn möglichst viele Organisationen Beschlüsse in der Art des folgenden Vorschlages fassen und sowohl an den TÜV Süd, als auch die entsprechenden Aufsichtsbehörden schicken würden:

"Der Vorstand/Verband/.... nimmt mit Sorge zur Kenntnis, dass die Unterschiede zwischen Begutachtung und Beratung als psychologisch und ethisch fundamental unterschiedliche Beziehungsangebote und Arbeitsfelder zunehmend verwischt werden.

Begutachtung von potentiellen Straftätern ist die in gesellschaftlichem Auftrag zur Sicherung und Gefahrenabwehr erfolgende Klärung von Risiken, die von einer Person für andere ausgehen können.

Beratung ist ein auf ein hilfebedürftiges Individuum zielendes, letztlich parteiisches Angebot für eine Lösungssuche im Interesse dieser individuellen Person.

Bei immer noch über 5.000 Verkehrstoten jährlich in Deutschland ist es nicht zu rechtfertigen, wenn beide Angebote quasi in einem Vertrag gebündelt werden und als eine Flatrate "Beratung bis zur positiven Begutachtung" angeboten wird, zudem wenn dies durch personell und organisatorisch eng verflochtene Organisationen aus beiden Arbeitsbereichen geschieht. Hier sind in der Tat Leitgedanken der Fahrerlaubnis-Verordnung über die strikte Trennung dieser Bereiche verletzt.

Unabhängig von einer rechtlichen Bewertung fordern wir alle im Bereich der Verkehrspsychologie Tätigen auf, in der Konzeption, Durchführung und Marketing von Maßnahmen strikt auf die Trennung der beiden Bereiche Begutachtung und Therapie bzw. Beratung zu achten.

Auch unter therapeutischen Gesichtspunkten betonen Angebote im Stile eines "all inklusive" oder "all you can eat" eher die Käuflichkeit von Zielen als die Selbstregulation und intrinsische Motivation.

Leitgedanke einer verantwortungsbewussten verkehrspsychologischen Tätigkeit ist die Verbesserung von Verkehrssicherheit, nicht die Lenkung von Kundenströmen - dies auch unter dem Gesichtspunkt der Kompatibilität mit europäischen Zielsetzungen."

Senden Sie E-Mail mit Fragen oder Kommentaren zu dieser Website an: redaktion@nlvp.de 
Copyright © 2009 newsletter verkehrspsychologie
Stand: 12. Mai 2009