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Deutsche MPU als Modell für Europa?

aus der nlvp 0/2006 von Dipl.-Psych. Jörg-Michael Sohn, Hamburg, www.nlvp.de

Als eine Reaktion auf die Europäisierung des Führerscheinrechts hat sich der Runde Tisch Verkehrspsychologie seit Beginn mit der Frage einer Europäisierung der Verkehrspsychologie beschäftigt. Konkretes Ergebnis ist ein von der Steuerungsgruppe erarbeitetes Modell PASS (Psychological and Medical Assistance for Safe Mobility).

Dieses Modell wird in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift für Verkehrssicherheit (ZVS) veröffentlicht und wird dann auch auf der Website der Sektion aufrufbar sein. [Inzwischen verfügbar: http://www.bdp-verkehr.de/backstage2/ver/documentpool/p_a_s_s_zvs_12007.pdf ]. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit diesem Modell wird im nächsten Newsletter erfolgen, einige Hinweise aber als Lesehilfe:

Das Modell ist von der Steuerungsgruppe relativ unabhängig vom Runden Tisch erarbeitet worden, eine Vorversion ist von den Mitgliedern des Runden Tisches zustimmend zur Kenntnis genommen worden, der jetzt veröffentlichte Wortlaut weicht aber deutlich von der dem Runden Tisch vorgelegten Version ab - was auch darin zum Ausdruck kommt, dass PASS in der ZVS als Modell der Steuerungsgruppe (und nicht des sehr viel größeren Runden Tisches) vorgestellt wird.

Das Modell fokussiert stark auf die Elemente des deutschen Systems der Fahreignungsbegutachtung, bezieht aber deutlich verhaltensändernde Maßnahme als zweiten Pfeiler des "römischen Bogen" (so eine interne Formulierung) mit ein. Da­bei wird der zentrale Begriff der "Fahreignung " als typisch deutsches Konstrukt fallen gelassen. Diese ist eine mit Rechtsfolgen verbundene, durch Abwesenheit von Krankheitshinweisen und Auffälligkeiten eher negativ definierte Voraussetzung zum Führen von erlaubnispflichtigen Kraftfahrzeugen und offenbar nicht einmal als Begriff in andere europäische Sprachen übersetzbar. Leider wird die­ser Begriff praktisch umstandslos und recht willkürlich einfach ersetzt durch "Mobilitätskompetenz" (die auch Fußgänger, Radfahrer und Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel besitzen sollten), ohne deutlich zu machen, auf welcher Rechtsgrundlage diese untersucht und gefördert werden soll.

Eher versteckt wird gefordert, dass bereits bei einer einmaligen Trunkenheitsfahrt mit 1,1 Promille, u. U. sogar schon ab 0,31 Promille (bei Anwendung des § 315c oder 316 StGB) eine MPU zwingend erforderlich ist. Dies ist jedenfalls die Konsequenz der Formulierung, dass nach jeder Entziehung der Fahrerlaubnis eine von Verkehrspsychologen und -medizinern durchgeführte Untersuchung stattfinden soll.

Und schließlich bleibt unklar, ob PASS eher den Konstruktionsplan für eine europäische Gesetzgebung, einen Minimalkatalog für Europa, ein unverbindliches Modell, eine langfristige Vision, eine Aufforderung, Alternativen zu diskutieren oder was sonst darstellen soll. Gleichzeitig werden aber durch die Übersetzung in andere Sprachen bereits der vorliegenden Fassung ohne breite innerdeutsche Diskussion Fakten geschaffen und Weichen gestellt.

Unabhängig von dieser Grundsatzfrage und Detailkritik liegt mit PASS ein nach  fachlicher Abstimmung mit vielen Gruppen und Organisationen erarbeitetes Papier vor, das die Diskussion um eine europäische Perspektive der Verkehrspsychologie stark prägen wird – die Diskussion ist eröffnet.

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Copyright © 2009 newsletter verkehrspsychologie
Stand: 12. Mai 2009